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Corona-Lehre (1): »Fernweh«

Für das Sommersemester 2020 hatte ich zugesagt, zwei Kurse für Grundlagen Typografie II zu übernehmen: einerseits an der FH Bielefeld, wo eine Weiterentwicklung meines eigenen Lehrkonzepts anstand, andererseits an der HTW Berlin, wo ich Martin Wenzel vertreten und das dortige Lehrkonzept mit Leben füllen sollte.

Kurz nachdem die Konzepte abgestimmt und die Werkstätten der HTW besichtigt waren, kamen die durch die Corona-Pandemie bedingten Einschränkungen. Und von den Hochschulen prasselten Infomails ein, dass es im Sommersemester 2020 keine Präsenzlehre geben würde und damit auch keine analogen Übungen in Werkstätten, die an beiden Häusern eine große Rolle in den Grundlagen spielen. Beide Lehrkonzepte waren über den Haufen geworfen und ich aufgefordert, ein eigenes neues für reinen Online-Unterricht zu entwickeln.

Die neue Fragestellung war also: welche Inhalte kann ich ausschließlich online vermitteln und wie kann ich dabei bestmöglich die ursprünglichen Lernziele beider Hochschulen sowie die anschließende Studierfähigkeit meiner Studierenden im Blick behalten? Im März erarbeitete ich das neue Konzept. Die Semesterplanung musste ich in den kommenden Wochen immer wieder anpassen. Ich arbeitete im Modus »public beta«, was ich den Studierenden auch so sagte.

Loslegen

In manchen Aspekten war ich für das Online-Semester gut aufgestellt. So verfügte ich schon über die meisten der Vorlesungen und die zugehörigen Skripte, die ich den Studierenden in Form von PDFs zur Verfügung stellte. Ungewohnt war für mich der Ausblick, die Berliner Studierenden lediglich per Video kennenzulernen. Die Bielefelder kannte ich bereits aus dem ersten Semester im Winter zuvor.

Ich las die willkommenen Handreichungen der Hochschulen zur Online-Lehre und richtete mich bei allen empfohlenen digitalen Anwendungen ein. Im Fall des FB Gestaltung der FH Bielefeld waren das Zoom, Slack und Sciebo, im Studiengang Kommunikationsdesign der HTW Berlin BigBlueButton (BBB), Moodle und Koda.

Sehr klar war mir von Anfang an, dass ein zentrales Element meiner analogen Lehre nicht funktionieren würde, nämlich die Besprechungen, zu denen die Studierenden ihre Entwürfe aufhängen und wir diese in großer Runde diskutieren.

Ich baute meine Lehre letztlich auf vier Elementen auf:
• Konsultationsgruppen mit in der Regel 6 Studierenden pro Stunde (Zoom/BBB)
• Vorlesungen von einer Stunde mit allen, bei denen auch Organisatorisches besprochen und Aufgaben erklärt wurden (Zoom/BBB)
• Slack als zentrale Kommunikationsplattform, zunächst verwendet zu organisatorischen Zwecken (Terminvergabe für Konsultationen) und zum Teilen von Links, später verwendet zum Einstellen von Entwürfen (Online-Pinnwand)
• Moodle bzw. Sciebo zum Verteilen »offizieller« Dokumente wie PDFs von Skripten, Aufgaben und Updates zur Semesterplanung

Semesteraufgabe

»Wir sind derzeit alle sehr begrenzt in unserer Bewegungsfreiheit. Umso wichtiger ist es, den Kopf auf Reisen zu schicken und neue Eindrücke zumindest intellektuell zu erfahren. Reisen kann man auch mit dem Finger auf der Landkarte, beim Lesen von Reiseführern, aber auch beim Browsen durch Online-Apparate von Museen, Bibliotheken und Archiven.

Ich möchte, dass Sie sich ein Traumziel aussuchen, einen Ort, an den Sie gerne einmal reisen möchten. Es soll ein Ort sein, den Sie noch nicht kennen, kein Ort, an dem Sie bereits waren. Es muss ein realer Ort sein, kein utopischer.

Es kann sowohl eine präzise Stadt sein (Rom) als auch eine Region (Andalusien) oder ein ganzes Land (Myanmar). Sie sollen ein Portrait Ihres Ortes erschaffen, indem Sie verschiedene Texte und Bilder dazu recherchieren, daraus eine Auswahl erstellen und diese dann Text für Text gestalten. Das Ergebnis darf Elemente eines herkömmlichen Reiseführers enthalten, soll insgesamt jedoch kein herkömmlicher Reiseführer sein!

Das enstehende Kompendium soll keinesfalls ein Fotobuch werden. Wichtig ist vor allem, dass Sie sehr unterschiedliche Texte zu dem Ort Ihrer Sehnsucht finden, die diesen in ganz unterschiedlicher Weise beleuchten.«

Das Kursthema fand viel Anklang. Die Studierenden entschieden sich vor allem für Ziele in Asien, den Amerikas und Nordeuropa. Zu meinem Bedauern waren Afrika und der Nahe Osten gar nicht und Südeuropa kaum vertreten.

Grundgedanken zum Lehrkonzept

Für das Lehrkonzept kam ich auf eine Handvoll Prämissen:
• Wegfall von Lehrinhalten, die eine analoge Erfahrung voraussetzen
• stattdessen Fokussierung auf Aspekte, die digital gut zu bearbeiten sind
• Reduktion des Zeitaufwands für die Studierenden um etwa ein Drittel
• möglichst kleinteilige Strukturierung der praktischen Aufgaben

Wegfallen mussten beispielsweise Bleisatzübungen oder analoge Workshops im Sinne von Lettering. Stattdessen stellte ich an den Anfang des Kurses eine Phase, in der es um Online-Recherchen jenseits von Wikipedia, Instagram und Pinterest ging, ein Bereich, in dem die Studierenden erfahrungsgemäß viel Aufklärungsbedarf haben.

Der Gesamt-Zeitaufwand für die Studierenden war bereits durch das digitale Kursformat reduziert: Statt der üblichen 3 bis 4 Stunden pro Kurstermin hatten die Studierenden nur 2 Stunden Anwesenheitspflicht, davon eine Stunde in der Konsultationsgruppe und eine Stunde für die Vorlesung. Die Teilnahme an den Vorlesungen war durchweg sehr gut.

Bei den gestellten Aufgaben dachte ich von Woche zu Woche an einen Zeitaufwand von 4 bis 6 anstatt von 6 bis 8 Stunden. So sollte sich der Gesamt-Workload für die Studierenden um etwa ein Drittel reduzieren. Das hielt ich vor dem Hintergrund des »Umstellungsschocks« für geboten, der gerade zu Beginn des Semsters auch den Studierenden eine erhebliche Anpassungsleistung und zusätzliche Zeit abverlangte.

Lehrkonzept, retrospektiv

Das Lehrkonzept entstand parallel zu seiner Durchführung, was ich meinen Studierenden auch sagte. Ich redete über diese Planung mit ihnen und auch darüber, wie Projekte »im echten Leben« laufen.

Phase 1: Semesterprojekt »Fernweh«, Gestaltung nach Textarten
Festlegung eines Sehnsuchtsorts und Online-Recherche zu Texten verschiedener Art, die später gestaltet werden sollten.
Phase 2: Grundeinrichtung des Dokuments
Die Studierenden bekamen ein Template-Dokument, das lediglich das Format festschrieb. Anschließend betreute Grundeinrichtung Schritt für Schritt.
Phase 3: Entwicklung einer Inszenierung mit Schrift oder Typo (Typoesie)
Gedicht, Lied oder Redensart. Skizzen / Auswahl / Entwürfe / Werk. Parallel dazu: Schritt für Schritt typografischer Ausbau des Dokuments. Dazu Live-Demos in InDesign.
Phase 4: Gestaltung von Texten und Büchern, Vertiefung
Aufbau Dokument: Einarbeitung weiterer Inhalte. Fachtheoretisch begleitet von Vorlesungen und Live-Demos in InDesign.
Phase 5: Ausbau Dokument und Durcharbeiten
5 Pflicht-Inhalte pro Semesterprojekt, plus 2 bzw. 4 Kür-Inhalte.

Die Studierenden waren nicht aufgefordert, über ihr gesamtes Druckwerk hinweg einen einzigen Ansatz durchzuziehen. Stattdessen sollten Sie die einzelnen Texte als »Kapseln« betrachten, innerhalb derer sie konsistent gestalten. Zwischen den Kapseln sollten sie dagegen möglichst unterschiedliche typografische Dinge ausprobieren.

Zweiter Teil: Aus Sicht des Lehrenden ]

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Bildnachweise:
Die Illustrationen zu diesem Artikel zeigen Ergebnisse der »Typoesie«, der grafischen Inszenierung nur mit Mitteln der Schrift oder Typografie. — Slideshow 1) FH Bielefeld: Jana Sehnert, Antonia Rolf, Kristina Schmidt, Clemens Kruse — Slideshow 2) FH Bielefeld: Katharina Meyer, Valentina Tschigrinez, Nenita Thrun, Sophia Lohmann — Slideshow 3) HTW Berlin: Lili Metz, Ella Meunier, Juliette Schminke, Hilke Babbe, Leona Fritsche, Annabelle Ahnert — Slideshow 4) HTW Berlin: Vivien Katschak, Marlene Zügel, Sabrina-Jasmin Kirschberger, Tom Stechert, Carla Martini, Christin Schalko.

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