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Corona-Lehre (3): Feedback der Studierenden

An beiden Hochschulen führte ich zum Ende des Semesters Umfragen in Eigenregie durch. An der FH Bielefeld geschah dies bereits Mitte Juli, hier beteilgten sich 14 von 18 Kursteilnehmer*innen (78%). An der HTW Berlin fand die Befragung Mitte August 2020 statt, mit einer Beteiligung von 23 der 37 Studierenden (62%).

Die Befragungen fanden in anonymer Form statt. Die Ergebnisse wurden mit den Studierenden besprochen und stellenweise im Gespräch vertieft. Die beiden Umfragen habe ich gewichtet zusammengeführt, also auf Basis der 37 abgegebenen Einzelstimmen neu berechnet. Dadurch entsteht im Ergebnis eine gewisse Dominanz der Berliner Gruppe, jedoch bleibt so auch der Fokus auf der Erfahrung der einzelnen Studierenden.

Die guten Nachrichten

• 76 % kamen mit der Online-Lehre insgesamt gut klar
• 62 % haben im Großen und Ganzen das Gleiche geschafft wie in einem normalen Semester
• 84 % denken, dass sie im kommenden Wintersemester 20/21 besser mit dem Online-Studium klarkommen werden

Die Probleme

• 76 % waren fast dauernd online und konnten schlecht abschalten
• 73 % fanden den Austausch mit ihren Mitstudierenden online weniger hilfreich als analog
• 70 % fanden es online schwieriger als analog, ihre Arbeiten zu diskutieren
• 68 % fiel es schwer, bei Videomeetings ihr Gesicht zu zeigen
• 59 % waren es zu viele Online-Tools in den verschiedene Kursen
• 51 % hatten Probleme, online »am Ball zu bleiben«
• 51 % konnten den Vorlesungen online schlechter folgen als analog,
• aber nur 27 % fänden Vorlesungen als Videoaufzeichnung besser

Online-Umsetzung des Kurses

• 84 % fanden die Mischung der Online-Tools (eher) gut
• Von der Online-Lehre langfristig behalten würden die Studierenden:
— 9 mal: Slack
— 8 mal: Skripte und Kursunterlagen, online archiviert
— 6 mal: Konsultationen in Kleingruppen
— 5 mal: Online-Vorlesungen
• Die Skripte waren in diesem Semester wichtiger als je zuvor :
— 81 % haben sie gelesen
— 94 % fanden sie hilfreich beim Selbststudium

Was baldmöglichst wieder analog sein sollte

• 14 mal: persönlicher Austausch, Interaktion, Besprechungen in großer Runde, Prozess der anderen mitbekommen
• 8 mal: Teamarbeit, praktische Übungen gemeinsam vor Ort
• 7 mal: Vorlesungen

Kursverlauf

• Die Ausgangsmotivation für den Typokurs war sehr hoch: für 78 % war der Kurs im Verhältnis zu anderen Kursen wichtiger
• 89 % nahmen regelmäßig teil
• 94 % empfanden die Konsultationsrunden als angenehm
• 5 Stunden und 40 Minuten investierten die Studierenden im Durchschnitt zwischen den Terminen in den Kurs
• 81 % fanden die Aufgaben im Wochentakt gut zu bewältigen
• 97 % fanden den Kurs gut strukturiert
• 97 % hatten ausreichenden Freiraum zur Entwicklung eigener Ideen
• für 94 % entsprach des fachliche Feedback ihren Erwartungen
• 100 % fanden den Umgang des Lehrenden mit den Studierenden offen und fair
• 73 % sind mit ihrer Leistung in diesem Kurs zufrieden
• 89 % hatten Spaß
• 94 % wollen noch weitere Typokurse besuchen

Leistungsstand

Ganz entgegen meiner ursprünglichen Befürchtung waren die Ergebnisse der Studierenden im Pandemie-Semester deutlich besser als in einem normalen. Nicht nur die Leistungsspitze wurde breiter, sondern auch der allgemeine Durchschnitt besser. Die wichtigsten Gründe sehe ich in den wöchentlichen Konsultationen, die die kontinuierliche Arbeit fördern, den Besprechungen anhand von offenen InDesign-Dateien, die Irrwege verhindern und dem Arbeiten an einem Quasi-Projekt anstatt von isolierten Übungen, was die emotionale Bindung an das Semesterprojekt steigert und den persönlichen Ehrgeiz befeuert.

Fazit

Das dringendste Bedürfnis der Studierenden ist, wieder mehr Austausch untereinander sowie mehr Kursöffentlichkeit herzustellen. Eine Möglichkeit hierfür könnte in Übungen liegen, die in wechselnden Kleingruppen organisiert werden, sowohl online wie im »realen Leben«. Der Gedanke einer Online-Pinnwand, an der man sich über Ideen und Entwürfe austauscht, kam grundsätzlich gut an. Jedoch muss man hier sehr darauf achten, die Hemmschwellen abzubauen, etwas zu posten. Auf welcher Plattform man das technisch macht, steht auf einem anderen Blatt: eine Anwendung, die im gesamten Fachbereich einheitlich genutzt wird, wird sicher bevorzugt.

Die Konsultationsgruppen mit zumeist 6 Studierenden haben sich durchaus bewährt. Allerdings würde ich diese schon nach dem ersten Drittel des Kurses für Zuschauer öffnen, um mehr Kursöffentlichkeit herzustellen.

Für die Videomeetings werden wir eine neue Kultur entwickeln müssen, die berücksichtigt, dass die Studierenden nicht aus einer Büroumgebung zugeschaltet sind, sondern mitunter aus ihren Schlafzimmern oder WG-Küchen. Im Gegensatz zu Lehrenden verbrachten sie nicht nur ganze Tage auf Zoom oder BigBlueButton, sondern ganze Wochen. Meiner Meinung nach sollte es keinen Zwang geben, das eigene Bild zu teilen und es sollte akzeptabel sein, Vorlesungen z. B. auch im Liegen zu verfolgen. Auch hier: Abbau von Hemmschwellen und mehr Entspannung. In meinen Augen ist die Video-Gesichts-Frage vor allem deswegen ein großes Thema, weil es durch die »schwarze Wand« zu Frustration bei Lehrenden kommt, die kaum mehr Feedback bekommen. Als Lehrende sollten wir den Studierenden offen mitteilen, dass wir ihr Feedback genauso brauchen wie sie unseres.

Ich sehe den genau selben Hemmschuh auf Seite der Studierenden: Sie haben größere Schwierigkeiten, ihre Arbeiten online zu diskutieren. Die Gründe, die sie im Gespräch präzisiert haben, sind dieselben, die bei Lehrenden zu Frustration führen: sprechen in die Leere, fehlendes Feedback, vor allem des Nonverbalen.

Wir müssen andere Formen finden, uns Feedback zu geben. Zum einen ist es sicher gut, uns mehr sagen zu trauen, uns mehr Komplimente zu machen. Auf Plattformen wie Slack finde ich zudem das bewusste Verwenden von Emojis interessant: Like-Herzchen auf Facebook, Twitter & Co. kommen ja nicht von ungefähr. Nach Vorlesungen könnten Polls eingestellt werden, die den Lehrenden zeigen, wie sie mit ihrem Vortrag ankamen, während des Vortrags können Studierende Clapping Hands einblenden, wenn sie etwas begeistert … Gute Erfahrungen habe ich auch damit gemacht, während meiner Vorlesungen ein Auge auf den parallel laufenden Chat zu haben, sowohl für Rückfragen als auch für Feedback an mich.

Erster Teil: »Fernweh« ]

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Anmerkung: Zwischen den Prozentwerten im Text und denen in den Grafiken kann es kleine Abweichungen geben. Diese resultieren aus unterschiedlichen Rundungsweisen.

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